Jan Wiedenroth Jan Wiedenroth Author
Title: Hasede - Große Mühle Gebr. Engelke
Author: Jan Wiedenroth
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Baujahr/Ersterwähnung
1277, heutiges Gebäude 1941

Gebäudetyp
Wassermühle, Industriemühle

Mühlenart
Getreidemühle

Betriebszustand
Gewerblich in Betrieb








Geschrieben von Joachim Engelke, Dr. Alexander Dylong: Seit über 300 Jahren ist die Große Mühle in Hasede ununterbrochen im Familienbesitz der Familie Engelke. Mit Hauptsitz in der Großen Mühle haben die Engelkes im Laufe der Jahre mehrere Mühlen erworben und sind heute die größte Private Mühlengruppe in Deutschland.

Grundher der Großen Mühle war seit 1277 ursprünglich der Bischof von Hildesheim. Später übertrug er die Mühle an das Domkapital.
Auf dem heutigen Betriebsgelände der Großen Mühle, entspringt eine Schwefelquelle die bis heute erhalten ist. Das Wasser der Quelle hat immer eine Temperatur von 6 °C und diente den Mitarbeitern im Sommer zum kühlen ihrer Getränke. Auch im Wohnhaus herrschte immer eine angenehme Temperatur, denn das Wasser der Schwefelquelle wurde durch das Haus in die Innerste geleitet und diente somit als Klimaanlage.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts beginnt in Hasede die Müllergeschichte der Familie Engelke als ein Heinrich Engelke als Erbpächter auf der Klick(e)mühle (zuletzt bis 1983 Mühlenwerke Franz Engelke) genannt wird.

Auf der Klick(e)mühle beginnt die Müllergeschichte der Familie Engelke. Die Klick(e)mühle und die gegenüberliegende Kleine Mühle bildeten zuletzt die Mühlenwerke Franz Engelke. Foto: Jan Wiedenroth

1669 hatte der Hildesheimer Domherr und Domkantor Ludolph Walter von Brabeck aus Lethmate im westfälischen Sauerland, die Große Mühle für 5000 Reichstaler erworben. Ludolph Walter errichtete 1671 die Mühle komplett neu als Fachwerkbau mit 4 Wasserrädern.
Nachdem er ohne Erben 1699 verschuldet verstorben war, wurde über sein Vermögen der Konkurs eröffnet.

Auch die Nachfolgenden Müller Hans Joachim Landsbergen und Jakob Wolkenhauer waren 1908 und 1909 nicht in der Lage, ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Domkapitel nachzukommen. Daraufhin wurde sowohl dem einen auch dem anderen von Seiten des Domkapitels gekündigt.
Die schwierige wirtschaftliche Lage der Großen Mühle nutzte der ehrgeizige Heinrich Engelke aus und wurde 1910 mit der Pacht betraut. Doch damit könnte sich Heinrich Engelke nicht zufrieden geben, denn als einfacher Pächter war er jederzeit kündbar. So legte er den Domherren einen Sanierungsvorschlag für die marode Mühle vor. Für dessen Durchführung reklamierte er jedoch eine langfristige Planungssicherheit. Denn es machte seiner Ansicht wenig Sinn, eigenes Vermögen in ein Projekt zu investieren, deren Früchte er Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters von 53 Jahren nicht mehr persönlich erleben würde.
Am 6. Juli 1714 vergab das Domkapitel die Große Mühle als Erbpacht an Heinrich Engelke. Er erhielt jedoch nicht nur sie, sondern auch die Klick(e)mühle in der er wichtige Teile seiner Kindheit und Jugend verbracht hatte.

Wilhelm Engelke ein Sohn von der Klick(e)mühle zog nach Bavenstedt und erlernte dort das Bäckerhandwerk. Nach erfolgreicher Meisterprüfung wurde er 1891 Inhaber der dortigen Bäckerei und wurde damit Stammvater der heutigen Bäckereikette ,,Cafe Engelke".

Joachim Engelke bemühte sich nicht nur um die Entwicklung der Großen Mühle, sondern auch um eine bessere Anbindung seines Dorfes Hasede an die modernen Verkehrsströme. Als im Königreich Hannover die wichtigsten Eisenbahnverbindungen gebaut wurden, blieb Hildesheim außen vor. Nur mit Zweigbahnen war Hildesheim mit Lehrte und Nordstemmen verbunden. Von diesem Hintergrund entwickelte Joachim Engelke den Gedanken eine direkte Verkehrslinie zwischen Hildesheim und Hannover mit Anbindung von Hasede herzustellen.
Am 14. November 1895 erhielt er vom Hildesheimer Regierungspräsidenten die Genehmigung zum Betrieb einer Kleinbahn. Am 22. März 1899 wurde der Betrieb der Kleinbahn aufgenommen, wobei auch die Große Mühle sowie die Kleine Mühle einen eigenen Gleisanschluss erhielten.
Die ,,Rote 11" verkehrte bis zum 27.5.1958 auf dieser Strecke.
Auch wurde 1899 durch das Straßenbahnnetz, Hasede an das Stromnetz angeschlossen, wovon auch die Haseder Mühlen profitierten. Die Antriebskraft konnte nun direkt per Kabel an die Maschinen gelangen und man war unabhängig von der Wind- und Wasserkraft.

Einweihung des Anschlussgleises zur Großen Mühle. Foto: Familie Enkelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Die erste Mehlverladung auf die Kleinbahn am 12.Mai 1899. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Eine wichtige Veränderung im Mühlenwesen brachte die Erfindung des Turbinenantriebes, von der auch die Große Mühle ab 1880 gebrauch machte. Dazu musste das 1671 gebaute Mühlengebäude abgerissen werden, um die Turbinenkammern im Flusslauf zu installieren. Nach dem Einbau der Turbinen in den Kammern wurde 1881 darüber das neue dreistöckige Mühlengebäude errichtet. Später kamen noch zwei Böden hinzu und die Mahlsteine wurden durch Walzenstühle ersetzt.

Die neue Mühle von der Hofseite um 1900. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Ansicht von der Innerste um 1900. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Nach dem Tod von Joachim Engelke erbten die Söhne Theodor und Fritz Engelke die Große Mühle. Mit ihr begnügten sie sich jedoch nicht, sondern strebten eine wirtschaftliche Expansion an und pachteten im gleichen Jahr die Hildesheimer Godehardimühle. Der noch heutige Firmenname Gebr. Engelke, Große Mühle, Hasede-Hildesheim wurde von ihnen gewält. Die Leitung der Mühle übernahm Fritz Engelke. Der Pachtvertrag war jedoch bis 1918 befristet und wurde bis 1938 verlängert.

Da der Betrieb nur mit Mühe aufrechterhalten werden konnte, wurde kurz nach Ende des ersten Weltkrieges der Mühlenbetrieb eingestellt. Brauchbare Einrichtungen brachte man nach Hasede und nutzte die Godehardimühle bis 1928 noch als Mehllager. Der Pachtvertrag wurde vorzeitig aufgehoben und die Mühle mit Beschluss vom 5. August 1932 abgerissen. Das Wohnhaus wird heute als Büro genutzt. Der Firmenname mit der zweiten Ortsbezeichnung ,,Hildesheim" wurde aber behalten um sich vor einer Verwechselung mit der anderen Engelke Mühle ,,Mühlenwerke Franz Engeke, Hasede-Gießen" auszuschließen.

Oben: Godehardimühle, unten: Große Mühle. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Im Sommer 1914 feierte die Firme Engelke ihr 200 jähriges Betriebsjubiläum.
In den Jahren 1920/21 wurde der südliche Teil des Büro- und Wohnhauses abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der bis heute noch diesen Zweck dient. Glücklicherweise konnte dieses lang geplante Projekt, für das gespart wurde , vor der Inflation realisiert werden.

Ein völliger Neubau des Maschinenparks konnte 1924 durch die Aufstockung von zwei Böden in Betrieb genommen werden. Im selben Jahr wurde auch die Groß Förster Mühle erworben.
Inzwischen waren die Brüder mit der Effizienz ihrer Turbinen von 1880 schon lange nicht mehr zufrieden und wurden 1925 durch neue ersetzt.

Die Große Mühle nach ihrer Aufstockung 1923. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Der Walzenboden um 1925. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Der Walzenboden um 1925. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Die Mühle um 1930. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

1931 begannen die Planungen für ein Getreidesilo welches 1933, in Stahlausführung der damals berühmten Nutenstahlsilos von Miag, mit einem Fassungsvermögen von 2.500 Tonnen fertig gestellt wurde. 1938 wurde ein zweites Getreidesilo aus Stahlbeton mit einem Fassungsvermögen von 3.500 Tonnen fertig gestellt.

Bau des zweiten Getreidesilos. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Am 23. November 1940 gegen 3 Uhr Nachts brannte die Große Mühle komplett aus. Die gerade errichteten Getreidesilos blieben verschont. Glücklicherweise konnte mit großem Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr das direkt angrenzende Wohnhaus gerettet werden. Ursache für das Feuer war ein Elevatorbrand.
Schuld an dem Elevatorbrand waren die Schichtmüller wegen vernachlässigter Überwachung. Jedoch hätten die Verantwortlichen in der Zeit des zweiten Weltkrieges mit einer strengen Strafe rechnen müssen. Vor diesem Hintergrund einigten sich Chef, Obermüller und Müller auf eine Mehlstaubexplosion als Brandursache. Damit waren die Müller außen vor. Fritz Engelke wurde dem Vorwurf formaler Verfehlungen angeklagt und kam mit einer Geldstrafe von 1.000 Reichsmark davon.
Unverzüglich nach dem Brand begannen die Planungen für den Wiederaufbau. Jedoch bedrängte man Fritz Engelke dazu, anstatt eines Wiederaufbaus in Hasede, eine neue Mühle im gerade besetzten Polen aufzubauen. Eine großzügige Versicherungsentschädigung und staatliche Zuschüsse wurden im in Aussicht gestellt. Da Familie Engelke ahnte das der Krieg kein gutes Ende nehmen würde, wollten sie Hasede nicht verlassen. So wurde gegen vielerlei Widerstände die Mühle wieder in Hasede aufgebaut.
Ein weiteres mal wurde Fritz Engelke verurteilt - diesmal wegen Schwarzmarktgeschäften, die er tätigen musste um die Mühle wieder aufzubauen, da im die Beschaffung für das benötigte Material verwehrt worden ist. Nachdem das alte Mühlengebäude direkt über den Turbinen gestanden hatte, wurde das neue Gebäude an der Ostseite längst der Innerste gebaut. Das alte Fundament konnte zum Aufbau des Turbinenhauses wiederverwendet werden. 1941 wurde die Produktion wieder aufgenommen.

Nach dem Brand 1940. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Nachdem sich die Groß Förster Mühle nicht mehr rentierte wurde ihr Betrieb Ende der 50iger Jahre eingestellt.
1959 wurde ein 1.200 Tonnen Mehlsilo im Beton-Gleitverfahren fertiggestellt, welches zu der Zeit das größte in Deutschland war. Auch wenn das Silo für damalige Verhältnisse in Hasede sehr groß war, sollte sich der Bau als weitsichtig erweisen. Erst 1987 war eine Erweiterung erforderlich, obwohl sich bis dahin die jährliche Vermahlung fast verzehnfacht hatte.
1964 wurde die technische Mühleneinrichtung grundlegend umgebaut. Die Produktförderung im Vermahlungssystem die bis dahin durch Elevatoren geschah, wurde nun Pneumatisch durchgeführt.
Durch den Einbau zusätzlicher Vermahlungsmaschinen wurde die Vermahlungskapazität erhöht. Die jährliche Vermahlung lag 1964 bei gut 10.000 Tonnen jährlich. Zum Vergleich: 1880 hat die Vermahlung bei 2.000 Tonnen gelegen.

Rechts am Mühlengebäude wurde 1959  das Mehlsilo gebaut. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Die Mühle 1964. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Der Walzenboden nach dem Umbau 1964. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Der Sichterboden nach dem Umbau 1964. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

1966 und 1970 wurden jeweils 4.000 Tonnen Kapazität geschaffen durch den Bau von zwei Beton-Hochsilos für Getreide. Bereits 1967 begann die Lieferung von Mehl in loser Form in einem Tankwagen - eine Entwicklung die sich auf dem Mehlmarkt durchgesetzt hat und heute einen Anteil von 90 % darstellt.

1983 wurde die Kleine Mühle von Franz Engelke stillgelegt, worauf er für den Kampffmeyer-Konzern arbeitete und einige Jahre Betriebsleiter in der Wesermühle in Hameln war.
Mitte der 80iger Jahre zeichnete sich in der Großen Mühle durch Vermahlungserhöhungen eine Knappheit bei der Mehllagerung ab, so das 1988 ein weiteres Mehlsilo mit einem Fassungsvermögen von 2.000 gebaut wurde.

Das zweite Mehlsilo ist fast fertig gestellt. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Im September 1988 kaufte Stefan Engelke, der jüngere Bruder von Christoph die Klostermühle in Salzgitter-Ringelheim, die zu den Südhannoverschen Mühlenwerken wurde. Später dann im Oktober 2014 erwarb er zusätzlich die hochmoderne Mühle Rüningen in Braunschweig. Die Firmenbezeichnung wurde in Mühle Rüningen, Stefan Engelke GmbH umbenannt.

Am 21. Juli 1992 bei 37° im Schatten, unterzeichneten Christof und Joachim Engelke den Kaufvertrag der Magdeburger Mühlenwerke und bauten das Werk zu einem modernen Mühlenbetrieb mit vollautomatischer Absackung aus. 2001 kamen als Zweigstelle noch die Oderland-Mühlenwerke in Müllrose bei Frankfurt/Oder hinzu.

Im Jahr 1997 kam in der Großen Mühle eine neue Generation von Getreide-Reinigungsmaschinen zum Einsatz. Sie ersetzten Spezialreinigungsmaschinen, die etwa 1/3 des Mühlengebäudes beanspruchten. Es nun möglich diese neuen Kombireiniger im Maschinenhaus des 1. Getreidesilos unterzubringen. Acht der zehn Lagerzellen von Silo 1 wurden mit Mehrfachausläufen versehen und zu Netzzellen umgebaut.

Das Gebäudeteil der Mühle in dem sich vorher die Reinigung befand stand nun leer, als man 1999 ein neues Vermahlungssystem von Bühler mit einer Leistung von 300 t/24h einbaute. Um vorher die notwendige Vermahlungsmenge zu erreichen, wurden seit Jahren die vorhandenen zwei Mühlensysteme bis an ihre Belastungsgrenze beansprucht. Stillstandszeiten waren oft nicht realisierbar. Dies war auf Dauer eine nicht zu akzeptierende Situation. Durch den Einbau des dritten Vermahlungssystems gehörten diese Probleme nun der Vergangenheit an.
Die Große Mühle vermahlt heute Täglich 700 Tonnen Weizen.

Walzenboden der neuen Mühle. Foto: Familie Engelke, Quelle: Die Mühlen zu Hasede

Die Große Mühle 2015 aufgenommen vom Sportplatz. Foto: Jan Wiedenroth

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