Jan Wiedenroth Jan Wiedenroth Author
Title: Bensen/Eitzen - Galerieholländer
Author: Jan Wiedenroth
Rating 5 of 5 Des:
Baujahr
1872

Gebäudetyp
Galerieholländer

Mühlenart
Getreide- und Futterschrotmühle

Betriebszustand
Betrieb eingestellt, Einrichtung 2011 komplett entfernt













Geschrieben von Florian Butt: In Sichtweite zur Behlmer (Hochzeits-) Mühle in Engeln steht eine weitere sehr schöne und prägnante Galerieholländerwindmühle. Sie steht versteckt hinter großen Buchen und Obstbäumen im kleinen Ort Bensen-Eitzen in der Gemeinde Affinghausen, die zur Samtgemeinde Schwaförden (Landkreis Diepholz) gehört. Die Mühle ist ein dreistöckiger Galerieholländer, dessen Unterteil gemauert ist. Das achtkantige Oberteil besteht aus Holz und ist mit Holzschindeln beschlagen.

Erbaut wurde sie im Jahre 1872 im Auftrag des Müllermeisters Niemeyer vom Mühlenbaumeister Fahlenkamp aus Bruchhausen-Vilsen, der noch eine ganze Reihe weiterer Mühlen im Landkreis errichtet hatte, so auch die benachbarte Behlmer Mühle in Engeln. Es wird allgemein behauptet, dass die Mühle das Gesellenstück oder gar das Meisterstück des Mühlenbauers gewesen sein soll. Diese Informationen können allerdings nicht genau belegt werden. Fest steht zumindest, dass die Eitzer Mühle in einer sehr ursprünglichen Form erbaut wurde, denn sie besaß zunächst Segelgatterflügel. Ihre Drehvorrichtung für die Mühlenkappe mittels eines Stertbalkens behielt sie bis kurz nach ihrer Stilllegung im Jahre 1965. Die Inneneinrichtung der Mühle bestand aus vier Gängen, von denen drei Mahlgänge waren. Der vierte Gang war ein so genannter „Franzosengang“, der für die Herstellung von Feinmehl diente. Hierzu wurde darüber hinaus ein großer Sechskantsichter angeschafft, der sich unterhalb des Mahlbodens befand. 

Bis zum Jahre 1933 wurde die Mühle von Niemeyer betrieben, der neben der Mühle auch sein Wohnhaus errichtet hatte. Er hatte die Mühle bis zu diesen Zeitpunkt nicht modernisieren lassen. Er suchte einen Nachfolger für die Mühle, da er sie aus Altersgründen nicht mehr bewirtschaften konnte. Außerdem hatte er mit seiner Frau keine Kinder, so dass der Verkauf unumgänglich war. Noch im selben Jahr kaufte der Müllermeister Christel Winter aus Bassum die Mühle und das dazugehörige Anwesen. Er war es, der sie auf modernere Technik umbauen ließ, um wirtschaftlicher arbeiten zu können. Direkt nach dem Kauf wurden zunächst die Segelgatterflügel durch moderne Jalousieflügel ersetzt, der Stertbalken wich allerdings keiner Windrose, sondern blieb an Ort und Stelle und wurde bis zur Stilllegung zum Verdrehen der Mühlenkappe verwendet.

Postkarte aus den 1930iger Jahren. Foto: Florian Butt

Die Mühle Anfang der 1940iger Jahre. Foto: Florian Butt

Die größten Umbauten nahm Winter im Inneren der Mühle vor. So ließ er einen der Mahlgänge aus dem dritten Boden, dem Mahlboden, auf den darunter liegenden Boden versetzen. Angetrieben wurde der Gang durch einen im Erdgeschoss installierten Motor, der mit einem Kegelradgetriebe und einem langen Mühleisen den Stein bewegte. Außerdem kamen ein neuer Sechskantsichter und eine Saatreinigungsmaschine der Type „Mindenia“ von Adolf Baumgarten aus Porta Westfalica hinzu. Das große hölzerne Stirnrad und die Steinspindeln wurden ebenfalls erneuert, sie wichen jetzt gusseisernen Rädern. Lediglich der Bunkler und das Kammrad wurden beibehalten. Auch noch original sind der Sackaufzug und ein daneben installierter Flaschenzug. 

Winter betrieb die Mühle noch bis 1962 regelmäßig mit Windkraft, sofern er auf die zusätzliche Motorleistung verzichten konnte. Allerdings wurde die Nachfrage nach Futterschroten und Gerstenmehl immer größer, so dass er mit der Windkraft nicht mehr effektiv arbeiten konnte. Dies führte dazu, dass er den Windantrieb größtenteils stilllegte. Letzte große Umbaumaßnahme war die Motorisierung eines Schrotganges auf dem Mahlboden, wozu ein neuer Unterantrieb mittels Keilriemenscheibe errichtet wurde. Die beiden anderen Gänge kamen nur noch sehr selten mittels Windantrieb zum Einsatz. Zu dieser Zeit wurde festgestellt, dass zwei der acht Eckständer stark angefault waren, sie wurden durch zwei neue ersetzt, was sich auch heute noch sehr deutlich erkennen lässt. Außerdem wurde der Achtkant mit neuen Schindeln versehen, da Christel Winter immer wieder mit Sturmschäden und Wassereinbruch zu kämpfen hatte. 

Die Mühle lief in den letzten Betriebsjahren nur noch mittelmäßig, da die Konkurrenz der im Umland entstandenen Mischfutterbetriebe anwuchs. Futter wurde also wesentlich billiger, schneller und in größeren Mengen hergestellt. Müller Winter schrotete hauptsächlich noch für die Bauern im Ort und geringe Mengen für den Eigenbedarf. Dies endete erst mit dem Tod von Christel Winter. Er hinterließ eine Tochter, die gelegentlich auch mit in der Mühle arbeiten musste. Sie war allerdings nicht im Stande, die Mühle weiter zu bewirtschaften, was zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr rentabel gewesen wäre. Anfallende Reparaturen und Ausbesserungsarbeiten wurden im Laufe der Jahre immer erforderlicher, konnten aus Kostengründen aber irgendwann nicht mehr finanziert werden, so dass die Flügel abgenommen werden mussten. Später folgte dann die Demontage der schon stark angefaulten Galerie und schließlich wurde auch der mächtige Stertbalken von der Mühlenkappe abgesägt. 

Im Inneren der Mühle blieb bis ins Jahr 2011 alles so erhalten, wie Christel Winter es an seinem letzten Arbeitstag hinterlassen hatte: man fand bis dato die komplette Mühlentechnik vor, unter den Absackstutzen hingen noch Säcke und eine Unmenge von Müllereigegenständen, wie Waagen, Gewichte und Pickhammern waren sortiert zu finden. Außerdem waren noch etliche Jalousieklappen, Windbretter der Flügel und Holzschindeln zu entdecken. Im Erdgeschoss war neben dem Motorraum für den Schrotgang auf dem zweiten Boden eine kleine Werkstatt eingerichtet. Sie stammte noch aus der Zeit, als Christel Winter eigenhändig Reparaturen und Neuanfertigungen von Teilen erledigte. 

Das komplette Mühlenanwesen wurde dann schließlich vor einigen Jahren verkauft. Die Mühle wurde zwar immer wieder instand gehalten, was aber auch hohe Kosten mit sich brachte. Seit dem Jahre 2005 bestand allerdings wieder ein großes Interesse an der Mühle. Der Dorfverein Emtinghausen-Bahlum war dabei, die Windmühle Emtinghausen (Landkreis Verden) zu sanieren. Hierzu wurden alle Teile der Inneneinrichtung der Mühle Eitzen ausgebaut und in Emtinghausen als Schauanlage wieder eingebaut. Es wäre sehr wünschenswert gewesen, wenn die Mühle des Christel Winter als komplett eingerichtetes Kultur- und Technikdenkmal an Ort und Stelle erhalten geblieben wäre, denn sie gehört zu den ältesten, gut erhaltenen Mühlen des Landkreises Diepholz. Außerdem war sie als eine der letzten Naturkraftmühlen nach 1965 noch in Betrieb, wenn auch nur noch gelegentlich. 

Eine weitere Tatsache war das Vorhandensein der kompletten Technik im guten Zustand und somit eine der letzten Mühlen des Mühlenbauers Fahlenkamp, dessen charakteristische Bauweise und Ausstattung noch im Ursprungszustand zu finden war. Dies bezog sich zwar nur noch auf den Windantrieb, aber dennoch war auch der technische Fortschritt unverkennbar und interessant anzusehen, ist dies doch schließlich der allerletzte Versuch gewesen, die Kleinmühlen und somit die Existenzen der Müller zu erhalten.

Die Mühle vom Garten aus gesehen. Foto: Florian Butt

Der große Sechskantsichter. Foto: Florian Butt

Motormahlgang. Foto: Florian Butt

Saatgutreinigung MINDENIA. Foto: Florian Butt

Stirnrad und Steinspindel für den dritten Windmahlgang. Foto: Florian Butt

Unterantrieb für den Motormahlgang. Foto: Florian Butt

Zwei der insgesamt drei Windmahlgänge. Foto: Florian Butt

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